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Brandkatastrophe (1901)Brandkatastrophe (1901)

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"Die Brandkatastrophe in Griesheim"

Der am 25. April in den chemischen Fabriken zu Griesheim bei Frankfurt a.M. ausgebrochene Brand hat zwar schwere Verluste an Menschenleben und grausige Zerstörungen im Gefolge gehabt; hätte jedoch das Feuer den Hauptbenzinbehälter erreicht, so würden Griesheim und Schwanheim vom Erboden verschwunden und die Zahl der Opfer ohne Zweifel bedeutend höher gewesen sein.

Die chemischen Fabriken liegen westlich von Griesheim zwischen dem rechten Ufer des Mains und der Eisenbahn Frankfurt-Höchst. Zunächst dem Städtchen liegt die Stammfabrik, westlich von ihr und gegenüber Schwanheim (am linken Ufer des Mains) die Chemikalienfabrik Mainthal. Zwischen den Bauten des großen Chemikalienwerks Griesheim-Elektron  und Mainthal schieben sich die Chemikalienfabrik von Marx u. Müller und die Farbwerke von Rötzel, Istel u. Co. ein. Die Chemische Fabrik Griesheim-Elektron wurde 1856 unter der Firma Frankfurter Actiengesellschaft für landwirtschaftlich-chemische Fabrikate gegründet; 1864 nahm sie den Namen Chemische Fabrik Griesheim, 1898 die jetzige Firma an. Später wurde durch Fusion die Chemikalienfabrik Mainthal angegliedert. Zweigniederlassungen bestehen zu Küppersteg, Spandau, Bitterfeld (zwei Werke) und Rheinfelden.

Die Ursache des Unglücks war nach dem frankfurter Gewährsmann der "Köln. Ztg." folgender: Im Zubereitungsraum für Pikrinsäure hatte sich eine Walze warm gelaufen, und das Gestell derselben fing Feuer. Die Fabrikfeuerwehr trat in Thätigkeit, vermochte jedoch des Feuers nicht Herr zu werden, das eins der drei in diesem Raum lagernden, 4 Mtr. langen und 0,75 Mtr. hohen Pikrinfässer ergriff. Durch die Explosion dieses Fasses kamen auch die anderen zum Explodiren, wobei eine Anzahl von Menschen den Tod fand.

Ueber den Verlauf der Katastrophe, wie er von Schwanheim aus beobachtet wurde, erstattete Hofrath Dr. B. Hagen, der hier am 25. April zufällig anwesend war und sofort ärztliche Hülfe leistete, der "Frankf. Ztg." einen Bericht, wonach die Explosion kurz nach ½4 Uhr nachmittags erfolgte. "Man sah plötzlich eine ungeheure weiße Dampfwolke etwa 200 Mtr. hoch über die schwarze Brandwolke hinaufschießen, durchzuckt und durchleuchtet von blendenden, blitzenden Strahlen, so schnell, daß erst, wie sie ihre höchste Höhe erreicht hatte, der Knall und die Luftdruckwelle bei uns auf dem Schwanheimer Ufer hör- und fühlbar wurde. Ich taumelte zurück, als wenn ich einen Schlag auf die Brust erhalten hätte, und im demselben Augenblick stürzten auch schon Fensterscheiben und -Rahmen, Ziegelstücke u. dergl. auf uns und um uns nieder. Die zweite Explosion kurz darauf war noch stärker und in ihren Wirkungen verheerender als die erste. Brennende Holztheile, glühende Eisenstücke schossen durch die Luft und kamen hoch im Bogen herabgesaust. Unmittelbar nach der Explosion gingen zwei Scheunen und ein Gartenhäuschen in Schwanheim in Flammen auf; auch der Wald gerieth an mehreren Stellen in Brand. Wie leicht erklärlich, war unter der Schwanheimer Bevölkerung eine ungeheure Panik ausgebrochen. Fast das ganze Dorf, namentlich Frauen und Kinder, floh in Feld und Wald und campirte im Freien."

Viel schlimmer sah es in Griesheim, namentlich auf der Brandstätte aus. Die Bewohner des Städtchens eilten in angstvoller Flucht nach Frankfurt, aus Frankfurt aber wälzte sich ein gewaltiger Menschenstrom nach Griesheim. Ueberall im weiten Umkreis hatte man die Schläge der beiden Explosionen gehört. Feuerwehren entsandten Frankfurt, Höchst, Nied, Sindlingen, Liederbach und Schwanheim. Auch die griesheimer Fabrik- und Ortsfeuerwehr that ihr möglichstes. Um die Verwundeten waren die Freiwillige Rettungsgesellschaft, der Frankfurter Samariterverein, die frankfurter Kriegerkamaradschaft und die Sanitätskolonne von Höchst eifrig bemüht. [Die Sanitätskolonne Schwanheim wird hier nicht aufgezählt, aber sie war ebenfalls im Einsatz.] Während die gefundenen Leichen und die sehr schwer Verwundeten im Laboratorium der Fabrik untergebracht wurden, schaffte man andere Verletzte in das höchster Krankenhaus und nach Frankfurt in das städtische Krankenhaus, in das Diakonissenhaus und in das Bürgerhospital.

Haushoch schlugen die Flammen aus der brennenden Anilinfabrik, und man mußte befürchten, daß das ungeheure Bezinlager, fünf Eisencylinder von je 25 Mtr. Länge und 10 Mtr. Durchmesser, von dem gewaltigen Brand ergriffen würde, da der Benzinschuppen kaum 150 Mtr. von dem eigentlichen Herd der Feuersbrunst entfernt lag. Diese Gefahr ist glücklicherweise vorübergegangen. Mannschaften des 81. Infanterieregiments, von dem zwei Compagnien aufgeboten waren, sperrten die Unglücksstätte streng ab. Alle Bemühungen der Feuerwehren hatten es leider nicht verhindern können, daß der Brand der Chemischen Fabrik Griesheim-Elektron auf die Gebäude der Firmen Farbwerk Griesheim a.M., Rötzel, Istel u. Co. sowie Marx u. Müller, Fabrik chemischer Producte übergriff.

Oberpräsident Graf v. Zedlitz richtete am 26. April folgendes Telegramm an den Reichskanzler und preußischen Ministerpräsidenten Grafen v. Bülow: Bei der Explosion in Griesheim wurden ein Beamter und 13 Arbeiter getötet, 20 bis 25 schwer, 50 bis 60 leicht verletzt. Für die Verwundeten und Hinterbliebenen ist gut gesorgt. Eine Entlassung von Arbeitern findet nicht statt. Die Zerstörung der Fabrik ist zu etwa einem Viertel sehr groß, zu drei Vierteln minder schwer; die Fabrik wird voraussichtlich in Kürze wieder betriebsfähig sein. Die Arbeiter finden Beschäftigung bei der Aufräumung und auf dem im Betrieb erhaltenen Theil. Nach Angabe der Fabrikleitung ist ein Appell an die öffentliche Mildthätigkeit nicht erforderlich. Prof. Dr. Lepsius, der erste Director der Fabrik, theilte dem Berichterstatter mit, es werde kein Arbeiter entlassen, und allen werde der volle Lohn ausgezahlt werden. Der Aufrichtsrath der Chemischen Fabrik Griesheim-Elektron schlägt der am 1. Mai zusammengetretenden Generalversammlung vor, an Stelle der in Aussicht genommenen Dividende von 16 Proc. für das Geschäftsjahr 1900 infolge des Unglücks eine solche von 5 Proc. zu vertheilen, ferner dem Unterstützungsfonds reichliche Mittel zuzuwenden.